Warum das Miniweingut Roterfaden zu den angesagtesten Namen der deutschen Weinszene gehört

Olympia Samara und Hannes Hoffmann haben das Miniweingut Roterfaden gegründet. Ihre Weine gelten als untypisch für Württemberg. Dabei sind sie genauso wie die schwäbischen Weine früher waren

Warum das Miniweingut Roterfaden zu den angesagtesten Namen der deutschen Weinszene gehört

Olympia Samara und Hannes Hoffmann haben das Miniweingut Roterfaden gegründet. Ihre Weine gelten als untypisch für Württemberg. Dabei sind sie genauso wie die schwäbischen Weine früher waren


Manchmal riecht es auf dem Weingut Roterfaden nach Tee. Dann haben Olympia und Hannes wieder einen Aufguss in ihrem großen Kupferkessel gemacht. Hundert Liter passen rein. Genug, um das ganze Weingut in Duft einzutauchen: Mal zieht das Aroma von Brennesseln, mal von Baldrian, mal von Schafgarbe über den Hof. Der Kessel steht direkt hinter einer ehemaligen Holzscheune. Diese haben sie umgebaut, Holzfässer und alte Korbpressen gekauft und und so ihr Weingut gegründet. 

Die beiden haben sich damit einen Traum erfüllt: nachhaltiger Weinbau, der keine Kompromisse macht. Deshalb auch der regelmäßige Teeaufguss. Hannes und Olympia arbeiten biodynamisch, das heißt sie verzichten nicht nur auf chemisch-synthetischen Pflanzenschutz, sie beleben den Boden mit Kompost, sie richten ihre Arbeiten nach den Mondphasen aus, sie stärken ihre Weinberge mit vitalisierenden Präparaten. Biodynamiker:innen gehen davon aus, dass jeder kleinste Prozess entscheidend ist, um gesunde Weinberge zu erhalten. Für sie sind Worte wie Balance wichtiger als Menge. Olympia und Hannes betrachten ihr Weingut als eine Art Gesamtorganismus, zu dem nicht nur Weinreben gehören.

„So ein Hof ist viel mehr als ein Weingut – das ist wie ein Kreislauf, etwas Lebendiges“, sagt Hannes.  So läuft seit einigen Monaten eine Schar Hühner über den Hinterhof, Hannes hat ihnen eine kleine Plane in den Baum gespannt, damit sie sich vor der Sonne dieses heißen Sommertags schützen können.  Daneben bauen sie Gemüse an, momentan für den Eigenbedarf.

Doch in diesem Text soll es natürlich um die großartigen Weine der beiden gehen. Denn die Geschichte des Weinguts Roterfaden ist so professionell wie romantisch. Olympia und Hannes haben sich vor rund 15 Jahren an der Hochschule Geisenheim kennengelernt und ineinander verliebt. Geisenheim ist eine der wichtigsten Ausbildungsstätten für angehende Weinprofis. 

Als Olympia nach dem Studium einen internationalen Master beginnt, der sich über unterschiedliche Weinbauländer verteilt, kam Hannes einfach mit. Arbeit fand er schnell in den umliegenden Weingütern. So lebten und arbeiteten die beiden in Kalifornien, in Südafrika, in Italien, in Südfrankreich – für die beiden sind es die perfekten Wanderjahre, um ihre Vision zu entwickeln. „Natürlich war es immer unser Traum, einmal ein eigenes Weingut genau so zu betreiben, wie wir es für richtig halten“, sagt Olympia. Sie überlegen eine Zeitlang, sich in Südfrankreich niederzulassen und entscheiden sich dann – zu unserem Glück – doch für Württemberg. 

Denn hier haben die beiden ein Kleinod geschaffen, etwas außerhalb von Vaihingen an der Enz. Der Hof gehört Hannes’ Familie, ein früherer Bauernhof. Als die zwei zurück nach Deutschland kommen, war der Betrieb schon lange stillgelegt, doch bot er ihnen Platz zum Wohnen und Arbeiten. Sie fingen mit einem halben Hektar Rebfläche an, das ist weniger als ein halbes Fußballfeld.

Und so kelterten sie 2014 ihren ersten Jahrgang. Die 1000 Flaschen wurden nie offiziell verkauft. „Wir wollten einfach schauen, ob wir Weine so machen können, wie wir uns das vorstellen“, sagt Hannes.

Die Abläufe im Weingut Roterfaden werden nahezu komplett in Handarbeit erledigt. Sie ernten von Hand und sobald die Trauben im Weingut ankommen, entrappen sie sie von Hand, das heißt, sie entfernen das Stielgerüst, welches ansonsten Bitterstoffe in den Wein bringen würde. Sie stampfen die Weine mit den Füßen.

Die Rotweine bekommen nach der Lese erst einmal Zeit. Zwei bis drei Wochen gären sie und werden anschließend gepresst. Dafür verwenden die beiden zwei alte Korbpressen. Solche Keltern sind eigentlich längst ausgestorben und durch moderne Pneumatikpressen ersetzt. „Dabei sind die alten Korbpressen doch das das beste, was es gibt!“, sagt Hannes. Die Trauben werden nicht mechanisch gequetscht und vermengt, sondern überwiegend von ihrem eigenen Gewicht. Das ist für sie besonders schonend. 

Dann kommt der Rotwein in alte Holzfässer und reift aus, auch den Riesling legen sie zum Großteil Holzfässer. Sie lassen die Weine einfach auf der Hefe ausreifen, mindestens elf Monate. Sie nehmen nichts raus, aus ihrem Naturprodukt, und geben nichts rein.

„Und das war’s dann, ist eigentlich ganz einfach“, sagt Hannes lapidar. Und mit diesem einen Satz bringt er vieles der Misere moderner Weinbereitung auf den Punkt. Durch die zunehmende Technologisierung und Professionalisierung wurde vieles in deutschen Kellern auch komplizierter. Wer hingegen handwerklich so puristisch arbeitet, wie Hannes und Olympia, der kann Weine herstellen, so wie die Menschen das schon immer gemacht haben. „Die Weinqualität ist so hoch wie nie, die Weine sind alle technisch einwandfrei, aber auch sehr uniform“, sagt Hannes.

Ihr Weg ist ein anderer und das hat auch viel mit der Biodynamie zu tun. „Wenn die Weinberge im Gleichgewicht sind, dann machen sich die Weine selbst. Das musst du akzeptieren, dass du den Prozess nur begleiten kannst“, sagt Hannes.  

Sie keltern rund 13.000 Flaschen im Jahr und bewirtschaften zweieinhalb Hektar Rebfläche. Im Vergleich zu anderen Betrieben ist das winzig, doch für Olympia und Hannes ist es perfekt. So können sie ihre Weine in ihrer Konsequenz und Vision machen, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. Damit das klappt, arbeiten sie  nebenher in anderen Jobs. 

Das gibt ihnen die Freiheit, sich zu Hause ganz zu fokussieren. Olympia und Hannes konzentrieren sich auf Riesling, Lemberger und ein bisschen Spätburgunder. Und sie haben eine klare Vorstellung davon, wie ihre Weine sein sollen. „Wir wollen säurebetonte Weine mit frischem Aroma. Mineralisch, mit Ecken, Kanten und Leichtigkeit“, sagt Olympia. Deshalb ernten sie deutlich früher als ihre Kollegen. Ein hoher Zuckergehalt ist ihnen nicht so wichtig wie die frische, säurebetonte Art. Das verleiht all ihren Weinen auch eine weitere spannende Eigenschaft: Sie sind durchweg niedrig im Alkohol. Ihr Premiumriesling Endschleife beispielsweise hat gerade einmal 10,5 Prozent Alkohol.  

Warum diese Weine anecken

Doch mit diesen Weinen ecken sie an. Denn durch die lange Reifezeit auf der Hefe haben die Weißweine eine sehr reduktive Note, und es ist nicht die Fruchtigkeit, die als erstes in die Nase springt. Es sind Rieslinge, die oftmals etwas Luft brauchen, um ihr Aroma zu entfalten. Rieslinge, die mehr Erdigkeit als Apfelaroma haben. Manche sagen zu Olympia und Hannes, dass der Wein gut sei, aber eben kein Riesling. Das verdutzt die beiden immer wieder. „Denn genau so schmeckt Riesling von hier!“, sagt Olympia. 

Auch der Lemberger gilt für viele Württemberg-Fans als untypisch und gewöhnungsbedürftig: so viel Säure, so leicht und schlank. „Es kommt doch darauf an, wie weit man zurückblickt, um zu vergleichen“, sagt Hannes. „Mein Opa hat die Weine relativ ähnlich gemacht: keine Reinzuchthefe, viel Handarbeit, alte Holzfässer“, sagt er. 

Damit sind die wunderbaren Weine von Roterfaden auch ein Sinnbild für das Dilemma, in das sich die genossenschaftlich geprägte Region gebracht hat. Sie ist derart professionalisiert, dass sie dabei auch ein klares Geschmacksbild definiert hat. Das geht in etwa so: Riesling ist im Stahltank ausgebaut, fruchtig mit frischen Apfelaromen; Lemberger etwas pfeffrig mit Waldbeerduft und feinem Holzeinsatz. Die handwerklich gemachten Weine von Roterfaden fallen hier völlig raus. Sie sind deshalb sogar als Landwein deklariert, was im Weingesetz die untere Stufe darstellt – doch den Fans der beiden ist das egal. 

Die Weine sind jedes Jahr ausverkauft, lange bevor die Lese beginnt. „Wir haben beide den Luxus, uns zu entscheiden ob und wieviel wir wachsen wollen“, sagt Hannes. 

Und dabei lassen sie sich manchmal auch von Zufällen berühren. So wie Mitte Juli, als sie in einer Kleinanzeigen-Rubrik an 70 Jahre altes Holzfass entdeckten. Da fuhren sie direkt hin und jetzt steht es majestätisch im Keller neben den anderen alten Holzfässern. Noch haben sie nicht entschieden, welchen Wein sie hineinlegen wollen.  

Adresse: Hagenrainstraße 37, 71665 Vaihingen an der Enz
ÖPNVw: Bahnhof Vaihingen a.d. Enz, den Rest sollte man mit Taxi/Carsharing zurücklegen. Es gibt zwar die Möglichkeit, von der Bushaltestelle in Rosswag zu Roterfaden zu laufen, das führt jedoch an einer kurvigen Landstraße entlang und ist sehr gefährlich

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