Remstal: Willkommen im Mutterstädtle des Württemberger Rieslings

Moritz Haidle hat einen Traum: Er möchte, dass seine Heimat wieder für das steht, was sie am besten kann: Riesling.
Moritz Haidle

Remstal: Willkommen im Mutterstädtle des Württemberger Rieslings

Moritz Haidle hat einen Traum: Er möchte, dass seine Heimat wieder für das steht, was sie am besten kann: Riesling.


Wer als Laie mit einem Rapper über HipHop spricht, hat oft ein latentes Gefühl des Uncool-Seins. Nicht so, wenn Moritz Haidle dabei ist. Der 32-Jährige ist so zugewandt und freundlich, dass man gefühlt gar nichts Peinliches sagen kann über Rap. Und das ist insofern angenehm, weil Hiphop früher oder später immer ein Thema im Gespräch mit ihm wird.  

Denn Moritz ist einer der wenigen Menschen, die sich gleich zwei prominente Identitäten leisten: In Stuttgart kennt man ihn als „Ritz“, der als DJ in Läden wie der Schräglage oder dem Süßholz auflegt, der als Rapper den ersten Rapkessel-Pokal gewonnen hat mit seinem sattelfesten Freestyle, einer, der Graffitis sprüht. Manche aus der Szene wussten lange nicht, dass er unter der Woche etwas komplett anderes macht.

Denn Moritz lebt in Kernen-Stetten, 16 Kilometer östlich vom Kessel. Ein Dorf, das ein wenig versteckt ist, eingerahmt von steilen Hängen mit Weinbergen und einem würfelförmigen Gebäude, das den lustigen Namen Y-Burg trägt. Hier arbeitet Moritz und statt Rap, Graffiti und Skating heißt der Dreiklang hier Weinberg, Keller, Kunden. Denn Haidle ist einer der renommiertesten Winzer Württembergs. 

Das Weingut Haidle gehört zu den ältesten Privatweingütern im Remstal, das traditionell stark von Genossenschaften geprägt ist. Moritz ist seit 2014 im Betrieb. Und seither hat er vieles umgekrempelt: die Weinberge auf biologischen Anbau umgestellt und das Portfolio des Weinguts auf den Kopf gestellt. 14 Weine hat er in den letzten Jahren aus dem Sortiment gestrichen – ersatzlos. Stattdessen hat er nur noch zwei Rebsorten nachgepflanzt: Riesling und Lemberger. „Ich möchte, dass wir im Remstal wieder zu dem stehen, was wir am besten können“, sagt er. Und damit verfolgt der Winzer genau das, was seine Vorfahren intuitiv richtig machten.

Noch vor rund hundert Jahren war Stetten ein Weißweindorf. Es gab fast nur Riesling, hier und da noch ein bisschen der Rotweinsorte Portugieser. Denn Stetten liegt in einem kühlen Tal, es hat zudem viele Ost- und Westlagen. Der Schnee liegt hier immer drei Wochen länger, so sagt man im Remstal. Dieses cool climate ist optimal für frische Weißweine, die hier ihre Säure behalten, gleichzeitig eine tolle Struktur entwickeln. So entstehen perfekt passende Terroir-Rieslinge, von klein auf geprägt durch die Umgebung.

Doch in den letzten Jahren hat sich Württemberg vielerorts an Trends angepasst. Viele Weingüter pflanzten weiße Burgundersorten, Chardonnay oder Spätburgunder. Und sicher gibt es auch in Württemberg Weingüter, die großartige Pinots machen. Dazu gilt Württemberg klassisch als Rotweingegend, rund 70 Prozent der Rebfläche hier ergibt Rotwein.

Doch Moritz hat eine andere Strategie, back to the roots. Er rodet kompromisslos. Er hat den Zweigelt rausgeworfen, den Kerner, den Grauburgunder. In Zukunft möchte er nur noch für zwei Rebsorten stehen: Riesling und Lemberger. 

Der Riesling passt perfekt hierher nach Stetten. Die Böden aus Gipskeuper, Muschelkalk, Schilfsandstein sind ideal, gleichzeitig behält er eine unvergleichliche Frische. 

In Zukunft will er zu 75 Prozent Riesling anbauen. Aktuell ist er bei 50 Prozent.

Der Rest dann vor allem Lemberger. Sein Vater war einer der ersten, der diese Rebsorte im kühlen Stetten angebaut hat. Damals spotteten viele und dachten, er würde nicht reif werden. Heute passt das Klima perfekt zur Lemberger-Version von Moritz: frisch, mit dunklen Kirscharomen, saftig und gleichzeitig mit fester, kräftiger Struktur.

Natürlich liebt er als Schwabe auch den Trollinger, ein perfekter Vesperwein, wenn er gut gemacht ist – handwerklich, elegant, leicht, ohne die quitschigen Erdbeeraromen. Aktuell experimentiert er mit Trollinger als Pet Nat, der momentan noch in seinem Keller auf der Hefe reift.

Im Weinberg arbeitet er biologisch, die Umstellung auf das Biosiegel war eines seiner ersten Projekte, als er nach der Hochschule nach Hause kam. „Ich dachte, das wird ein großes Diskussionsthema“, sagt Moritz. Doch er wurde überrascht. Der Außenbetriebsleiter, der sich seit Jahrzehnten um die Weinberge der Haidles kümmert, meinte direkt, sie seien ohnehin bereits herbizidfrei – warum also nicht auch umstellen. Auch sein Vater war von Anfang an begeistert vom neuen, nachhaltigeren Weg. Mittlerweile ist Haidle Senior bei manchen Themen noch detailverliebter als der Sohn: So legt er beispielsweise besonderen Wert darauf, bestimmte Kellerarbeiten an den Mondphasen zu orientieren. Auch den Rebschnitt planen Haidles nach dem Maria-Thun-Kalender, einem anthroposophischen Agrarkalender, der astronomische Konstellationen berücksichtigt. „Für vieles, was wir tun, gibt es keine wissenschaftliche Erkenntnis. Und ich will auch gar nicht darüber diskutieren. Wir machen einfach das, was uns weiterbringt“, sagt Moritz. Aktuell befindet sich Moritz in der Umstellung auf den biodynamischen Anbau.

Mit all diesen Schritten hat Moritz auch die Kundschaft des Weinguts verändert. Früher verkaufte die Familie zu 80 Prozent an Weintrinker älteren Semesters, die direkt auf den Hof fuhren. Heute macht der Abhof-Verkauf Kunden nur noch ein Drittel des Umsatzes aus. Stattdessen werden die Rieslinge von Moritz im Ausland geliebt und vor allem auch 16 Kilometer westlich, im Kessel, in Stuttgart. 

So brachte ausgerechnet der Rap einen seiner größten Coups ein: „die Schräglage-Connection“, so nennt es Moritz. Die einst kleine Bar am Markplatz ist heute der bekannteste Hiphop-Club der Stadt. Die Leute dort kannten Moritz natürlich als Ritz, irgendwann bekamen sie mit, was dieser „sonst so“ macht – und fragten ihn, ob er für sie nicht einen Hauswein machen wollte. Der Riesling aus den steilen Stettener Hängen heißt deshalb „Riesling aus der Schräglage“.

Seine aktive Zeit als Freestyler hat er übrigens 2015 beendet, doch selbst Laien erkennen noch diesen Vibe im Weingut. Zum Beispiel in einem Imagefilm des Weinguts, dessen Hintergrundsound eigens von Dexter komponiert wurde. Und wer mit Hiphop nichts anfangen kann, sollte einfach mal einen Riesling von Moritz probieren. Dann weiß man sofort, warum der Beat des Remstals so unwiderstehlich ist.

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Adresse: Hindenburgstraße 21, 71394 Kernen im Remstal
ÖPNV: mit dem Zug bis nach Esslingen, dann weiter mit Bus X20 (Richtung Waiblingen), Haltestelle: „Diakonie Stetten, Kernen im Remstal“ – von dort sind es angenehme 15 min Fußweg durch das hübsche Stetten i.R.

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2 Antworten

  1. Iss sich ja voll niedlich.
    Nur über die Weine Haidles erfährt man außer ein paar werblichen Allerweltsphrasen, die so auch auf jeden anderen Winzer passend könnten, wenig bis nichts.
    Dabei sind sie es, die das eigentliche Interesse begründen (würde vermutlich auch MH selbst sagen).
    Zum Beispiel das ziemlich spannende Experiment des Wilderer-Quartetts, weil selten sonst ein Nichtwinzer einen so tiefen EInblick in die Auswirkungen von Entscheidungen und Keller vergleichen erhalten und nachvollziehen kann. Nach der Verkostung des Quartetts versteht man z.B. auch die möglichen (vermutbaren) Gründe im Keller für die Strukturschwäche vieler „gehobener“ Weißweine des Hauses Württemberg wesentlich besser. Und auch die Auwirkungen unterscheidlicher Lesezeitpunkte kann man als Kunde nur sehr selten 1:1 am gleichen Traubenmaterial studieren.

  2. Hallo Alexander, danke für deinen Kommentar.
    Und danke auch für den Hinweis auf das Wilderer-Quartett, das liest sich super interessant. In dem Text sollte es weniger um konkrete Weine, sondern vielmehr um die Strategie von MH gehen. Diese besteht im Kern aus zwei Punkten, die auch im Text stehen
    – Konzentration auf Riesling und LEmberger
    – Neue Stilistik: druckvolle, säurebetonte Rieslinge
    Daneben fand ich sehr interessant und schrieb das auch, dass Stetten früher ein Weißweindorf war, und Moritz das Potential des Mikroklima erkannt und ausgebaut hat.
    Viele Grüße, Katharina

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