Stuttgarter Wein: Das Weingut der Gemeinschaft

Dennis Keifer und Sebastian Schiller haben ein einzigartiges Projekt geschaffen: das erste Crowdfunding-Weingut Deutschlands. Die beiden machen Stuttgarter Wein wie vor hundert Jahren. Das bedeutet zwar viel Handarbeit, doch mit ihren Ideen haben sie andere Menschen nicht nur für die Finanzierung begeistert, sondern auch für's Anpacken.
KSK Sebastian Schiller

Stuttgarter Wein: Das Weingut der Gemeinschaft

Dennis Keifer und Sebastian Schiller haben ein einzigartiges Projekt geschaffen: das erste Crowdfunding-Weingut Deutschlands. Die beiden machen Stuttgarter Wein wie vor hundert Jahren. Das bedeutet zwar viel Handarbeit, doch mit ihren Ideen haben sie andere Menschen nicht nur für die Finanzierung begeistert, sondern auch für's Anpacken.

Wow, die Idee klingt echt dreist: Zwei Männer wollen Stuttgarter Wein machen, haben aber weder Geld noch Personal. Deshalb bitten sie im Internet um Geld und um Mithilfe. Das wirkt eigentlich viel zu anmaßend, um zu funktionieren.

Und trotzdem stehen an diesem Sommerabend rund ein Dutzend Menschen in der Hitze der Steilhänge und bearbeiten mit altmodischen Hacken den Boden, um ihn zu lockern. Viele tragen Wanderschuhe und alle Wadenmuskeln sind angespannt, so steil ist es hier. Alle paar Minuten greift ein:e jede:r zur Wasserflasche, denn die Arbeit ist extrem anstrengend. Doch die Menschen, die sich hier abmühen, bekommen nicht einmal einen Cent dafür. Warum also machen sie das?

Wie Wein und Boden zusammenhängen

Auch Sebastian Schiller steht zwischen zwei steilen Weinzeilen. Der 37-Jährige ist Winzer und steht hinter dem Projekt KSK Vintage Winery: Keifer-Schiller-Konsortium. So heißt das Weingut, das er gemeinsam mit Dennis Keifer gegründet hat und das Stuttgarter Wein produziert.

Sebastian ist ein sehr freundlicher Mann, der Geduld ausstrahlt und dabei so verschmitzt wirkt, dass es Spaß macht, zuzuhören. Wenige Minuten zuvor hat er die Hacken verteilt und die Menschen hier um sich versammelt. Er erklärt nicht nur, wie die Helfer:innen am geschicktesten die Bodenkruste aufhacken, wie sie das Unkraut entfernen und kleine Plateaus schichten sollen – sondern er erklärt auch warum. Nur so kommt das Wasser gut an die Pflanzen, durch die kleinen aufgeschichteten Ebenen wird der Boden nicht weggeschwemmt, er erklärt, welche Pflanzen die Bodenvitalität bereichern – und welche nicht.

Und bereits hier ahnt man, warum sich so viele Menschen für die kostenlose Mitarbeit interessieren: Sie lernen enorm viel über ihr Lieblingsgetränk und dessen Entstehung. Fast alle hier sind Weinfans. So wir Marleen, die ansonsten in einer Klinik arbeitet. „Das ist ein wunderbarer Ausgleich für mich und ich habe das Gefühl, etwas Gutes zu tun“, sagt sie. Um zu verstehen, was sie meint, muss man kurz den Blick von dem trockenen Boden abwenden und über die Rebzeilen schauen.

Wer schonmal in Stuttgart war, weiß, dass die Topografie hier ganz schön speziell ist: ein Kessel, der für Steigung wirklich allerorts sorgt. Hier in Rohracker, einem Teilort von Stuttgart, gibt es deshalb eine gewisse Tradition für Stuttgarter Wein, die man an den Hängen entdecken kann. Aber: Sie ist vom Aussterben bedroht.

Warum viele Profis vor dem Steilhang zurückschrecken

Denn es ist hier so steil, dass so gut wie alles Handarbeit ist. Für viele ist das zu viel. Sie haben ihre Trauben ohnehin meist an die Genossenschaft abgegeben, die meisten haben den Weinbau nur noch als Liebhaberei – oder neben ihren guten Jobs bei Daimler & Co. – gemacht. „Wir wollen die Weinbautradition und die Steilhänge hier unbedingt erhalten“, sagt Sebastian. Beide arbeiten in anderen Jobs, Dennis als Steuerberater und Sebastian im Weingut Beurer in Kernen-Stetten, das Ihr auf unserer Karte findet. Nur so können sie ihr eigenes Miniweingut aufrechterhalten.

Dafür ist jedoch Geduld und Flexibilität notwendig. Die Arbeitseinsätze werden mit einer einfachen Doodle-Liste geplant, mal kommen nur drei Leute, mal ein Dutzend. Manche sind immer wieder dabei, andere kommen einmal und nie wieder. Doch das größte Glück von KSK ist das hohe Interesse ihrer Fans am Weinmachen. Und das ist aus Sicht von Sebastian auch der Grund, warum hier auch an diesem warmen Abend wieder so viele zum Hacken vorbeigekommen sind.

Echte Rückbesinnung aufs Handwerk

„Die KSK-Fans haben einen wachen Verstand. Wenn ich ihnen die Hintergründe der jeweiligen Arbeit erkläre, dann begeistern sie sich“, sagt er. Und damit trifft KSK in genau jene Rückbesinnung auf Handwerk, nach der sich viele Büromenschen so sehnen.

„Wir wollen hier Wein machen wie vor hundert Jahren“, sagt er. Das heißt nicht nur, dass sie auf all die Maschinen verzichten (die hier ohnehin nicht an die Reben herankommen). Auch im Keller arbeiten sie komplett ohne Hilfsmittel: Ihre Weine sind spontanvergoren, ungefiltert, ungeschönt. Dadurch entstehen Aromen und Geschmacksbilder, die sehr charaktervoll, ja einzigartig, sind. Leicht reduktiv, mit Tiefgang, mit Ecken und Kanten.

Viele Sommeliers lieben die Weine der Vintage Winery: Die Weine von KSK werden sowohl in Häusern wie dem hochkarätigen Gasthaus Hirsch in Sonnenbühl, wie dem Dreisterne-Restaurant Vendôme in Bergisch-Gladbach ausgeschenkt. Einer der wichtigsten Abnehmer hat sein Restaurant in Stuttgart selbst: Auch Vincent Klink in der Wielandshöhe schenkt die Weine von KSK seinen Gästen aus.

Der ambitionierte Plan, Gratis-Helfer:innen zu begeistern, hat offenbar wunderbar funktioniert. Da verwundert es fast ein bisschen, wenn Sebastian von seiner Vision für KSK erzählt: „Wenn wir die Lagen hier erhalten können, dann haben wir alles erreicht, was ich mir wünsche.“

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